Die Steinstrickerin

Veröffentlichungsdatum07.04.2026Lesedauer3 MinutenKategorienGemeinde Info

Jeder wichtige Ort braucht eine Geschichte

Hörzelle am Symposion Lindabrunn

Sagen sind Geschichten, die über Generationen weitergetragen werden wie geheime Lieder. In ihnen lebt das Staunen, das Fürchten, das Suchen nach Antworten und Erklärungen. Mehr als bloße Erzählungen, sind sie emotionale Landkarten. Eine Einladung, Verbundenheit mit Orten in unserer Umgebung aufzubauen und beim Geschichtenerzählen ein Stück näher zusammenzurücken.

Die Sage der „Steinstrickerin” ist keine Überlieferung, kein direkter Draht zu unseren Vorfahren. Durch das Erzählen entsteht jedoch ein neuer Faden im Gewebe der Geschichte des Steinbruchs. So wird der Steinbruch nicht nur als Ort sichtbar, sondern als Resonanzraum für Gemeinschaft. Die erfundene Sage lädt ein, dem Steinbruch eine weitere Bedeutungsschicht zu schenken und einander einen Moment des Geschichtenerzählens.

Zu hören ist die Sage auch in der Hörzelle am Symposion.

Die Sage der Steinstrickerin 

Geschrieben von Camilla Lausch, 2025.

Man sagt, in den Nächten ohne Mond, wenn der Wind durch den verlassenen Steinbruch von Lindabrunn weht, kehrt ein Wesen zurück, das die Dorfeinwohner nur flüsternd „die Steinstrickerin“ nennen.

Einst, so erzählt man sich, lebte tief im Gestein ein Teufel – eine finstere, traurige Kreatur, aus Staub und Schatten, die den Stein liebte wie andere das Fleisch.

Sie war aus der Tiefe heraufgestiegen, als der erste Mensch begann, den Stein zu brechen. Die Schläge der Hämmer und das Splittern des Gesteins weckten sie aus ihrem Schlaf unter der Erde. Aber statt zu toben, beobachtete sie. Und wurde unsagbar traurig. Denn sie liebte den Stein.

Nachts, wenn alle Arbeiter heimgekehrt waren und der Nebel die Gruben füllte, kroch die Steinstrickerin über das zerbrochene Gestein – barfuß, bucklig und wimmernd. Mit ihren krummen Klauen, so fein wie Spindeln, spann sie aus Jutefasern ein grobes Seil. Und mit diesem Seil begann sie, die gesprengten Felsbrocken wieder aneinanderzunähen – wie ein Flickwerk.

Die Steine, die der Mensch getrennt hatte, verband sie mit unzähligen Maschen, Schleifen und Knoten. Manche sagen, sie strickte aus reinem Trotz. Andere glauben, sie wollte den Schmerz der Felsen lindern, wie man einen Verband um eine Wunde legt.

Doch ihre Arbeit war vergeblich. Jeden Tag kamen die Menschen zurück, schlugen, sägten, sprengten. Und jede Nacht fing die uralte Kreatur wieder von vorne an.

Jeden Morgen wenn die Arbeiter die seltsamen Formationen fanden, lachten sie höhnisch, obwohl es ihnen kalte Schauer über den Rücken jagte. Und jeden Morgen wieder zerschnitten sie das Seil und sprengten weiter. Doch an jedem neuen Tag war das Seil doppelt so fest und doppelt so dicht. Immer öfter passierten seltsame Unfälle. Zuerst taten die Arbeiter es als Ungeschicke ab, doch die Vorfälle wurden immer absonderlicher.

Seitdem, so flüstert man, wagt es niemand mehr, nach Einbruch der Dunkelheit im Steinbruch zu bleiben. Denn wer die Steinstrickerin bei ihrer Arbeit stört, dem strickt sie bei lebendigem Leib ein Netz – nicht aus Jute, sondern aus dunkler Zeit. Und sie bindet dich an das, was du zerstört hast.

Immer wieder meinen Wanderer Reste ihres tragischen Werks zu finden, lange Stränge aus Fäden, die verzweifelt versuchen, den Fels wieder zusammen zu flicken..

Manche schwören auch, sie hätten die bucklige Kreatur gesehen: krumm, mit gesenktem Kopf und langem, staubverhangenem Haar. Ihre Augen wie zwei ausgebrannte Feuerstellen – und zwischen ihren Klauen ein Faden, hauchdünn und trotzdem dicht wie die Finsternis.